Pipe

Det finns fisk

Mein Sommerurlaub begann mit einer schwindelerregenden Odyssee sondergleichen. Sechs verschiedene Züge musste ich besteigen um die Wegstrecke zwischen Stuttgart und Bremerhaven zurückzulegen. Am Zielpunkt erwartete mich eine dreitägige Hochzeit, deren Protagonisten mir bis dato fremd waren. Der erste zeremonielle Akt auf Gut Ankelohe bestand aus einem Grillabend. Zu fortgeschrittener Stunde berichtete mir am Lagerfeuer Christian, ein Comic-Verleger aus dem Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, dass er einst in einem Eiscafe jobbte. Seine Kollegin an der Theke hieß Frau Nussbächer. Der Ausflug am Folgetag nach Cuxhaven bewies mir, dass das Naturelement Wind mit seiner steifen Briese, einen feschen Haarschnitt im Stile der 50er Jahre in wenigen Sekunden, in einen ganz jämmerlichen 2010er Emo-Look verwandeln kann. Auf der Rückfahrt geriet ich in das „Freak In Kulturcafe“ zu Bad Bederkes, dass seinem Namen alle Ehre macht. Der Betreiber des Ladens, welcher eine Melange aus Kneipe und Plattenladen darzustellen versucht, ist ein übriggebliebener Alt-Hippie, der seine ausgedünnten Haare zum Zopf trägt und sich einen frechen Ziegenbart hat stehen lassen. Den Standard aus vergangenen Tagen komplettierte das bläuliche Batik T-Shirt, welches er spazieren trug, auf seinem rechten Unterarm prankte ein selten bunter Papagei, selbstverständlich drittklassig tätowiert. Sein Monolog drehte sich natürlich um den „guten, alten Rock der 70er Jahre“. Seine Anmerkung, dass er im Wald wohnt, konnte mich nicht mehr überraschen. Zumindest ist er ein echtes Original und geizte nicht mit Freundlichkeit. Stilvoll hingegen war das charmante Freiluft-Bankett am Abend, samt kulinarischen Raffinessen aus allen Herren Ländern. Selten durfte ich einem solch entspannten Ringwechsel beiwohnen, der grundsymphatisch wie sein Hochzeitspaar anmutete. Auf einem großzügigen Anwesen in Schweden, das zu einem großen Teil aus einem dichten Wald besteht, war ich in einem der drei traditionellen Holzhäuser untergebracht. Die volle Ladung Natur gegen das portionierte Stadtleben. Während sich in Stuttgart-West die Betrunkenen unter meinem Schlafzimmerfenster den Rausch aus der Kehle schreien, stimmen in der winzigen Ortschaft nähe Älmsta nachts um halb zwei, die Käuzchen ihre Arien ein. Ich schwamm in einem abgelegenen See, der von tiefen Wäldern umschlossen war, zelebrierte ein klassisches Picknick auf den Klippen am offenen Meer, marschierte über weite Felder an verlassenen Scheunen und Kuhherden entlang, durchstöberte diverse Flohmärkte und aß so viel Fisch, dass ich mich gelegentlich vor dem Schlafengehen nach Schuppen und Gräten untersuchte. In Schweden gilt das sogenannte Jedermannsrecht. Während in Skandinavien ein Jeder das Grundstück eines Anderen betreten und sogar darauf campieren darf, winkt im Schwäbischen stattdessen das großmütterliche Nudelholz. Angetan von Land und Leute und vielleicht auch aus etwas Übereifer startete ich damit, mir schwedische Vokabeln zu verinnerlichen und sammelte täglich neue Worthülsen. In der schwedischen Sprache lässt sich so manches aus dem Deutschen und dem Englischen ableiten, was die ersten Gehschritte vereinfacht. Zudem lassen sich dienliche Brücken errichten. Um beispielsweise das Wort „ebenso“ auf Schwedisch zu verinnerlichen, stelle ich mir einen nickend zustimmenden Matthias Sammer vor und spreche „tack det samma“. Mein liebster Satz ist mit großem Abstand „det finns fisk“, was „es gibt Fisch“ bedeutet und fast immer stimmt. Bei meiner ersten Visite in Stockholm begegnete mir das ursprüngliche Schweden. So erwarb ich diverse Singles mit Titeln wie „Gumbo Lay“, „Putti Putti“, „Ponteio“ oder „Mama Looka Boo Boo“ und ging anschließend indisch essen. Zum großen Glück durfte ich die unfassbar schöne Metropole, die den Anschein hat in einer Seelenruhe auf dem Wasser zu gleiten, weitere Male besuchen. Neben noch viel mehr Singles aus dem Nostalgipalatset, welcher mit Abstand der beste Plattenladen ist, den ich jemals betrat, lernte ich den hippen Stadtteil Södermalm zu schätzen, in dessen Straßen ich auf dem häßlichsten Kontrabass Schwedens kurzzeitig meine akute Slapsucht stillte. Ich tappste eisbewaffnet durch die geschichtsträchtige Altstadt und mochte es, dass fernab des bundesdeutschen Farbtons Volksgrau die Stockholmer Häuserfassaden größtenteils bunt angestrichen sind. Abends betrachtete ich hin und wieder diverse Filme auf einem schicken Laptop. Der schlechteste war mit Abstand „Hancock“. Quotenkönig Will Smith wurde sicherlich üppig dafür entlohnt, in einem hirnrissigen Action-Klamauk einen Superhelden auf Abwegen zu mimen. Welch Ärgernis. Der beste Film war „The Lines Of Control“ von Jim Jarmush, der in Sachen Ästhetik die Messlatte hochhaushoch gesetzt hat. Das in Spanien abgedrehte Kunstwerk ist eine wahre Delikatesse für das Sehorgan und meine dringlichste Empfehlung. Der allgegenwärtige Mission einen Elch zu erspähen, zeigte ich die kalte Schulter und drehte den Spieß um. Soll er mich doch finden. Abschließen möchte ich diesen kleinen Reisebericht mit dem Titel eines Songs der britischen Band The Odinary Boys, welcher „Thanks to the girl“ lautet.

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August 2 2010, 10:43pm | Original Link »